Schönheitschirurgie: Facharzt Veith Moser (35) über weniger Facelifts, mehr Botox, intime Ideale und enormen Leidensdruck in und aus der Praxis.
von Johanna Hager
Rund 500 Brustvergrößerungen hat Veith Moser (35), Facharzt für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie, durchgeführt. Mit dem KURIER sprach er über Botox-Laien, pathologische Unzufriedenheit und Patienten, die aussehen wollen wie Promis.
In der rekonstruktiven-plastischen Chirurgie werden funktionelle Störungen des Körpers behoben bzw. wiederhergestellt. Diese Eingriffe sind daher indiziert - also "notwendig"- , wenn Sie so wollen. In der rein ästhetischen-plastischen Chirurgie aber handelt es sich um Eingriffe, die auf Wunsch des Patienten durchgeführt werden, der ein subjektives körperliches wie seelisches Unwohlsein hat.
Es gibt Schlupflider, die dermaßen stark ausgeprägt sind, dass das Gesichtsfeld eingeschränkt ist. Dann handelt es sich nicht mehr um einen schönheitschirurgischen Eingriff, sondern um ein funktionelles Problem. Das zahlt auch die Krankenkasse. Handelt es sich um ein ästhetisches Problem, muss man selbst zahlen. Abstehende Ohren zum Beispiel werden großteils von der Kasse gezahlt, da Kleinkinder deshalb oft gehänselt werden, die Ohren also eine große psychische Belastung darstellen. Kommt es zu Hänseleien, sollte man die Ohren operieren, ehe das Kind zur Schule geht.
...operiert man meist vor der Einschulung. Das hängt immer vom Leidensdruck, den Hänseleien, ab, die teilweise enorm sind.
Der Leidensdruck ist individuell unterschiedlich. Der eine hat extreme Reiterhosen und wird sich diese nie operieren lassen, der andere hat geringe und stört sich daran enorm. Wenn ich jeden Morgen und Abend vor dem Spiegel stehe und mich daran störe, kann daraus auch ein psychisches Problem erwachsen, weil sich alles um diesen subjektiven Makel dreht. Das kann so weit gehen, dass man sich vor dem Partner womöglich nicht mehr nackt zeigen will. Dann ist der Zeitpunkt zumeist gekommen, an dem sich Menschen für eine Operation entscheiden.
Es würde aber Sinn machen, eine gesetzliche Altersgrenze für ästhetische Eingriffe zu ziehen: die Volljährigkeit. Ausgenommen werden müssen angeborene Fehlbildungen. Hier ist die Grenze individuell zu sehen.
In der rekonstruktiven Chirurgie unmittelbar nach der Geburt zum Beispiel freiliegendes Rückenmark. Reine Korrekturen am Körperstamm: Eine 13-Jährige, die Körbchengröße G hatte. Aber so etwas ist sehr selten.
Natürlich gibt es auch schwarze Schafe, da die Schönheitschirurgie ein Markt ist, in dem man viel Geld verdienen kann. Einige Kollegen bieten Eingriffe an, für die sie nicht ausgebildet sind. Letztendlich bleibt dabei immer die Sicherheit auf der Strecke und damit verbunden eine erhöhte Komplikationsrate. Wer, wie in TV-Dokus gezeigt, nach einem mehrstündigen Eingriff vom OP-Tisch direkt nach Hause geht, mag zwar Geld sparen, nimmt dafür aber ungeahnte körperliche Risiken in Kauf. Auch eine gute und ausführliche Beratung kann nicht in 15 Minuten erfolgen. 30 bis 45 Minuten sollte ein Erstgespräch unbedingt dauern.
Für mich alles, was unter 4000 bis 4500 Euro liegt.
In unserer Gemeinschaftspraxis gehört die Brustvergrößerung neben den genitalen weiblichen Korrekturen und den Schlupflidern zu den Top Drei.
Schlupflider, Fettabsaugungen und Facelift. Die Männer, das sehe ich in der Praxis, haben in den letzten Jahren mehr Sinn für Ästhetik bekommen. Sie machen etwa 40 Prozent der Botox-Behandlungen aus. Es gibt aber medizinische Gründe, warum man Patienten abraten oder abweisen muss. Beispielsweise wenn sie zu Blutgerinseln neigen oder unter einer Stoffwechselkrankheit leiden.
Bei operativen Eingriffen ist es zumeist so, dass sich Patienten Monate im Voraus überlegen, ob sie sich operieren lassen sollen. In meiner Wiener Praxis, die ich gemeinsam mit Shirin Milani führe, geht es uns immer darum, welche Erwartungshaltung der Patient hat, ob der Eingriff machbar und sinnvoll ist. Diese Punkte müssen abgeklärt sein, gerade weil es sich um eine Operation handelt, die nicht notwendig ist. Die Patienten haben leider durch die Medien oft völlig falsche Vorstellungen.
Das kommt durchaus nicht selten vor! Genau deshalb ist das Beratungsgespräch so wichtig. In der Plastischen Chirurgie gibt es so genannte Habtachtstellungen, die es zu berücksichtigen gilt. Zum Beispiel mitgebrachte Fotos. Ein anderes Warnsignal: Wenn der Patient sagt, er werde alle Freunde an den Arzt verweisen, wenn die OP gelingt. Es gibt Menschen die unter Dysmorphophobie leiden. Das sind Menschen, die pathologisch ihren Körper als nicht schön empfinden, obwohl kein Makel vorhanden ist. Jene Patienten müssen im Gespräch erkannt werden und sollten therapiert werden.
Auch in Österreich investieren Menschen zunehmend lieber in sich, also für eine Operation, und machen dafür bei Urlaub oder Kleidung Abstriche. Ob dadurch seelische Leiden geheilt werden können, wage ich zu bezweifeln. Plastische Chirurgen können Patienten aber sehr wohl mehr Selbstsicherheit geben. Damit einher geht ein Gewinn an Lebensqualität, möglicherweise auch an beruflichem Erfolg und sozialer Akzeptanz. Eine Untersuchung an Strafgefangenen, die man in den USA einer Schönheits-OP unterzogen hat, zeigte, dass die Beseitigung sozial isolierender Mängel in der äußeren Erscheinung die Rückfallquote nicht verändert hat: es wurden aus "hässlichen" einfach "gut aussehende" Kriminelle.
Es ist die Zeit, in der wir leben. Es ist nicht seriös, sich Botox spritzen zu lassen, als ob man zur Kosmetikerin ginge. Ich denke, dass alles, was invasiv ist und Botox ist invasiv, da man mit der Nadel durch die Haut sticht, eines Arztes bedarf, der eine Ausbildung hat, und sollte keinesfalls in die Hände von Laien oder nicht bzw.schlecht ausgebildeten Kollegen gelangen.
Das Streben nach äußerlicher Makellosigkeit und körperlicher Perfektion betrifft längst alle anatomischen Stellen unseres Körpers, so auch die Genitalregion. Mit dem Einzug des Internets wurde auch die Schwelle zur Pornografie eine viel niedrigere. Durch die weit verbreitete Intimrasur ist ein gewisses "neues Ideal" entstanden.
Der Trend geht dazu, dass die kleinen Schamlippen von den großen mehrheitlich verdeckt sein sollten. Ist das nicht der Fall, sondern stehen die kleinen Schamlippen hervor oder hängen zu weit nach unten, kann das sowohl funktionelle Probleme wie beim Geschlechtsverkehr oder beim Radfahren verursachen, als auch wegen rein ästhetischer Gründe behoben werden. Der Eingriff kostet je nach Ausprägung zwischen 1500 und 2300 Euro und wird meist von Patientinnen zwischen 20 und 30 Jahren gewünscht. Nahezu alle Patientinnen haben vor allem Hemmungen, sich nackt zu zeigen, klagen über Störungen im Sexualleben mit starker psychischer Belastung.
Ja, es gibt sie, obwohl sie in Österreich nicht weit verbreitet ist. Diese OP wird durchgeführt, wenn der Patient einen sehr kurzen Penis hat. Für Männer, die ein sehr kleines Genital haben, ist es sehr schwierig, sich im gesellschaftlichen Umfeld wie einem Fußballklub nackt zu zeigen. Man kann mittels Operation, indem man einen der drei Ansätze des Penis trennt und quasi ein Stück herausholt, eine 1,5 bis 2 Zentimeter große Verlängerung herstellen. Damit einher geht aber keine Verbesserung der sexuellen Leistung.
In den USA ging 2009 erstmals die Zahl der Faceliftings zurück. Das mag einerseits mit der Wirtschaftskrise, andererseits mit der erfolgreichen und langjährigen Verwendung von Botox oder Hyaluronsäure-Präparaten zu tun haben, die ambulant injiziert werden und bereits nach wenigen Tagen Ergebnisse sichtbar machen. Der Trend geht zu minimal invasiven und kleineren Eingriffen.
Unsere Maxime lautet: "Ich will sehen, dass man nichts sieht". Wenn ich sehe, dass jemand operiert ist oder gebotoxt wurde, ist es meiner Meinung zu auffällig und unnatürlich, also schlecht gemacht. Denn gute Ergebnisse sind in Wahrheit kaum oder nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Für gewisse Patienten steht aber der "surgical look", also das unnatürliche Aussehen, im Vordergrund. In diesen Fällen gelten natürlich ganz andere Regeln.
, die - wie das Nervengift - ambulant in die Haut gespritzt werden, erfreuen sich großer Beliebtheit, da es sich bei den Injektionen um nicht-operative und "kosten-günstigere" Eingriff am Körper handelt.
wird aus Hahnenkämmen gewonnen oder biotechnologisch hergestellt und kommt in natürlicher Form im Körper vor. In der ästhetischen Medizin dient es mittels Injektion beispielsweise zur Behandlung von Körperdeformationen (Faltenunterspritzung, Modellierung von Gesichtskonturen oder Lippen). Der Straffungseffekt dauert sechs bis 12 Monate an.
™ ist eine Hyaluronsäure, ein nicht-toxisches, biologisch abbaubares Gel, das ambulant und unter leichter Narkose in die Haut injiziert wird, um Unregelmäßigkeiten wie Dellen im Brust-, Gesäß- oder Wadenbereich auszugleichen. Nach ein bis zwei Jahren hat der Körper das Gel wieder abgebaut.
Der Duden definiert "Botox" als Handelsnamen und als Kurzform für das Nervengift Botulinumtoxin. Das Stoffwechselprodukt aus Bakterien setzt sich aus dem lateinischen Wort Botulus (Darm, Eingeweide, und umgangssprachlich Wurst) und aus der altgriechischen Bezeichnung für "giftige Substanz" (Toxin) zusammen. Die Wirkung des Gifts war bis Mitte des 20. Jahrhunderts gefürchtet, da das Bakterium in nicht-sauren, extrem sauerstoffarmen Milieus wie Wurst- und Gemüsekonserven auskeimte, Toxin produzierte, zur Atemlähmung und damit zum Tod führte. Daher rührt das englische Synonym "Sausage Poison". Für Edwin Chapman (University of Wisconsin) gehört Botulinumtoxin zu den gefährlichsten Biowaffen. Wegen dieses Gefahrenpotenzials unterliegen Pharmafirmen dem Kriegswaffenkontrollgesetz.
Seit den 1970ern wird das im Labor hergestellte Botulinom Toxin A, das u. a. unter Botox® sowie anderen Handelsnamen (Vistabel, Dysport, Xeomin, Azzalure, Bocouture) bekannt ist, vielfach in der Medizin verwendet. Neben der Faltenglättung dient es zur Behandlung von Bewegungsstörungen, Strabismus (Schielen), Kopfschmerz (Migräne) und Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen).
In Österreich steigt die Zahl der ästhetischen Eingriffe fraglos an. Wir schätzen, dass österreichweit zwischen 20.000 und 25.000 Eingriffe pro Jahr erfolgen", sagt Helmut Hoflehner, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC). Da in Österreich auch praktische Ärzte und andere Fachärzte (Gynäkologen, HNO-Ärzte, ...) ästhetische Eingriffe vornehmen, gehen Schätzungen auch von jährlich bis zu 40.000 Eingriffen aus. Als Referenzwert: Im zehn Mal so bevölkerungsreichen Deutschland begeben sich rund 400.000 Menschen pro Jahr in die Hände von Schönheitschirurgen, geschätzte 20.000 Frauen ließen sich 2009 die Schamlippen korrigieren.
Geht es nach einer Studie im Auftrag des Wiener Gesundheitsprogramms aus 2009, geben acht Prozent der Frauen über 14 Jahren an, bereits einen schönheitschirurgischen oder kosmetischen Eingriff hinter sich zu haben. Weitere 25 Prozent können sich vorstellen, einen solchen vornehmen zu lassen. 54 Prozent wünschen sich eine Faltenbehandlung und Gesichtsstraffung, gefolgt von Nasenkorrekturen (18 %), Fettabsaugungen (16%) und Brustvergrößerungen oder -verkleinerungen (15%).
Ausgerechnet die bekannten Gesichter aus dem Gebiet der Schönheitschirurgie appellieren in jüngster Zeit an die eigene Zunft. Der deutsche "Mr.Nose", Werner Mang, in dessen Kliniken jährlich 3000 Eingriffe vorgenommen werden: "Es ist grauenhaft, was sich inzwischen auf dem Sektor abspielt, wie dieser Teil unserer Kultur hemmungs- und bedenkenlos, unmenschlich und vor allem unnatürlich ausufert." Vor allem jungen Menschen will Mang mit seinem 2009 erschienen Buch "Verlogene Schönheit - Vom falschen Glanz und eitlen Wahn" warnen. Beliebteste Vorbilder für eigene Körperteile seien Angelina Jolie (Mund), Brad Pitt (Nase) und Jennifer Lopez (Po).
Für Patienten, die nach einem ästhetischen Eingriff verunsichert sind, hat die Österreichische Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie eine Hotline eingerichtet.


